LTV/LÜW im BVWS: Transparenz und verantwortungsvolle Zucht
Der BVWS erfasst Befunde zum Lumbosakralen Übergangswirbel seit mehr als zehn Jahren und veröffentlicht die Ergebnisse. Mit 852 dokumentierten Hunden liegt eine umfangreiche Datengrundlage vor, die bereits bei der Deckanfrage in die Zuchtplanung einfließt. Unsere Stellungnahme ordnet den aktuellen Forschungsstand ein, benennt die Grenzen der Selektion und erläutert, warum wir auf Daten, Transparenz und Zusammenarbeit statt auf Wettbewerb zwischen den Vereinen setzen.
Stellungnahme des BVWS zum LTV (Lumbosacral Transitional Vertebra) / LÜW (Lumbosakraler Übergangswirbel)
Liebe Mitglieder, liebe Züchterinnen und Züchter, liebe Kolleginnen und Kollegen,
in der aktuellen Diskussion um den Lumbosakralen Übergangswirbel (LÜW bzw. LTV) möchten wir als BVWS einige Punkte sachlich einordnen und unsere Vorgehensweise erläutern.
Unser gemeinsames Ziel sollte stets die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Rasse sein. Die Arbeit der Rassehundezuchtvereine sollte daher nicht als Wettbewerb verstanden werden, bei dem es darum geht, welcher Verein mehr oder vermeintlich bessere Maßnahmen für die Gesundheit der Rasse ergreift. Vielmehr sollten wissenschaftliche Erkenntnisse, Transparenz und ein verantwortungsvoller Umgang mit Gesundheitsdaten die Grundlage unserer züchterischen Entscheidungen bilden.
LTV/LÜW wird im BVWS bereits seit vielen Jahren erfasst
Im BVWS werden Befunde zu Lumbosakralen Übergangswirbeln seit mehr als zehn Jahren im Rahmen der gesundheitlichen Untersuchungen erfasst und ausgewertet. Die entsprechenden Ergebnisse wurden und werden transparent veröffentlicht, unter anderem auf der BVWS-Homepage sowie in der Vereinszeitschrift DWS.
Die langjährige Erfassung hat inzwischen zu einem umfangreichen Datenbestand geführt. Derzeit liegen dem BVWS LTV-Befunde von insgesamt 852 Hunden vor. Diese Datengrundlage ermöglicht es uns, die Verteilung der Befunde innerhalb unserer Population zu betrachten und die gewonnenen Erkenntnisse bei der züchterischen Arbeit zu berücksichtigen.
Damit ist die Erfassung des LTV/LÜW seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der gesundheitlichen Datengrundlage des BVWS. Die Dokumentation und Veröffentlichung der Ergebnisse schafft Transparenz und ermöglicht es unseren Züchterinnen und Züchtern, entsprechende Informationen in ihre züchterischen Entscheidungen einzubeziehen.
Wissenschaftliche Untersuchungen zum LÜW
In der aktuellen Diskussion wird auf wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema LÜW verwiesen. Hier möchten wir darauf hinweisen, dass die angesprochene Studie bereits im Jahr 2006 veröffentlicht wurde und im Zusammenhang mit der Albert-Heim-Stiftung in der Schweiz steht.
Darüber hinaus werden aktuell weitere Forschungsarbeiten zu den genetischen Grundlagen des LÜW durchgeführt. Ein entsprechendes Forschungsprojekt befasst sich mit dem Belgischen und Holländischen Schäferhund. Beteiligt sind die Universität Bern mit Prof. Dr. Tosso Leeb und Prof. Dr. Frank Steffen vom Tierspital der Universität Zürich.
Der BVWS hat sich mit der Frage beschäftigt, ob eine solche Forschung auch für den Weißen Schweizer Schäferhund vorangetrieben werden könnte. Nach derzeitigem Stand stehen Prof. Dr. Tosso Leeb von der Universität Bern jedoch keine ausreichenden zeitlichen Kapazitäten zur Verfügung, um eine weitere Rasse in das bestehende Forschungsprojekt aufzunehmen.
Diese Rückmeldung ist bedauerlich, verdeutlicht aber zugleich, dass die wissenschaftliche Erforschung der genetischen Grundlagen des LÜW weiterhin vor Herausforderungen steht. Umso wichtiger ist es, die bereits verfügbaren Gesundheitsdaten systematisch zu erfassen und auszuwerten.
Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass beim Thema LÜW noch nicht alle Fragen abschließend beantwortet sind. Insbesondere hinsichtlich der genetischen Zusammenhänge, der Vererbung und der Bedeutung der unterschiedlichen LÜW-Typen besteht weiterhin Forschungsbedarf. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich wie bei der HD-/ ED-vererbung verhält und kein monogener Erbgang ist.
Berücksichtigung des LTV bei der Zuchtplanung im BVWS
Der BVWS berücksichtigt den LTV/LÜW bereits bei der Zuchtplanung. Schon im Rahmen der Deckanfrage wird der entsprechende Befund in die Beurteilung der geplanten Verpaarung einbezogen.
Nach der derzeitigen Vorgehensweise werden grundsätzlich nur Verpaarungen genehmigt, bei denen mindestens ein Elternteil den Befund LTV 0 aufweist.
Damit wird der LTV nicht erst nach der Geburt eines Wurfes betrachtet, sondern bereits im Vorfeld der Verpaarung in die züchterische Planung einbezogen.
Dabei ist es uns wichtig, die Grenzen einer solchen Selektion realistisch zu benennen: Ein LTV-freier Hund garantiert nicht, dass aus einer entsprechenden Verpaarung ausschließlich LTV-freie Nachkommen hervorgehen. Vergleichbares gilt auch für andere Gesundheitsmerkmale. Selbst bei unauffälligen HD- oder ED-Befunden der Elterntiere kann nicht garantiert werden, dass sämtliche Nachkommen ebenfalls unauffällig sein werden.
Zucht bedeutet, Risiken auf Grundlage der verfügbaren Erkenntnisse verantwortungsvoll zu bewerten und zu minimieren. Eine Garantie auf bestimmte gesundheitliche Ergebnisse kann sie nicht geben.
LÜW und der mögliche Zusammenhang mit der Hüftgesundheit
Im Zusammenhang mit dem LÜW wird häufig auch dessen mögliche Bedeutung für die Hüftgesundheit diskutiert.
Im Rahmen eines VDH-Lehrgangs bzw. Vortrags zur HD/ED hat Frau Dr. Viehues auf die anatomischen Veränderungen hingewiesen, die bei einem LTV 3 auftreten können, und deren mögliche Bedeutung für die Symmetrie des Bewegungsapparates thematisiert. Dieser Aspekt ist bei der gesundheitlichen und züchterischen Bewertung entsprechend zu berücksichtigen.
Gleichzeitig ist es wichtig, zwischen der medizinischen Beurteilung eines konkreten Befundes und pauschalen Aussagen über die Zuchteignung zu unterscheiden. Die Bewertung sollte sich an den vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den individuellen Befunden orientieren.
Einschätzung aus der wissenschaftlichen Diskussion
Ergänzend möchten wir auf ein Interview mit Herrn Prof. Dr. Tellhelm hinweisen, das sich zwar auf den Deutschen Schäferhund bezieht, jedoch wichtige Aspekte der wissenschaftlichen Diskussion zum Umgang mit unterschiedlichen LÜW-Typen aufgreift.
Frage: Was bedeutet das für die Zucht?
Hier muss man vorsichtig sein. Es gibt im Moment schon
einige Hunderassen, die gegen das Auftreten von LÜW
selektieren. Die schweren Formen 2 - 3 werden dann von
der Zucht ausgeschlossen. Die häufigste Form ist aber der
Typ 1. Es fehlen allerdings noch wissenschaftlich gesicherte
Informationen, ob Hunde mit Typ 1 anders vererben als
Hunde mit Typ 2 oder 3. Aus genetischer Sicht müsste also
zum jetzigen Zeitpunkt alle Hunde mit LÜW ausschließen.
Aber da wir die LÜW bei fast 30 % aller Schäferhunde haben,
wäre das ein herber Einschnitt. Aus genetischer Sicht
macht es also keinen Sinn, nur diese schweren Formen
von der Zucht auszuschließen. Aber wenn Typ 2 und Typ 3
vorliegen, haben wir ja eine erhebliche Abweichung von
der normalen Anatomie, vergleichbar einer Fehlstellung
von Gliedmaßen. Wenn man um diese Information weiß,
sollte man darüber nachdenken, die Hunde aus der Zucht
zu nehmen. Aber dieser Punkt ist schwierig zu bewerten
und die genetischen Studien müssen in den kommenden
Jahren weiter fortgesetzt werden
Das Interview verdeutlicht, wie schwierig es sein kann, geeignete züchterische Maßnahmen festzulegen, solange wesentliche genetische Zusammenhänge noch nicht abschließend erforscht sind. Es unterstreicht damit die Bedeutung einer differenzierten Betrachtung und einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Grundlagen.
Das vollständige Interview ist hier nachzulesen: Quelle:
Unser Anspruch: Transparenz und verantwortungsvolle Zucht
Der BVWS verfolgt bei der gesundheitlichen Entwicklung unserer Rasse einen langfristigen Ansatz. Dazu gehören die Erfassung und Veröffentlichung von Gesundheitsdaten, die Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie eine verantwortungsvolle züchterische Selektion.
Mit derzeit 852 erfassten LTV-Befunden verfügt der BVWS über eine umfangreiche Datengrundlage, die das Ergebnis einer über viele Jahre konsequent betriebenen Erfassung ist. Diese Daten bilden eine wichtige Grundlage, um die gesundheitliche Entwicklung unserer Rasse zu beobachten und züchterische Entscheidungen auf eine möglichst fundierte Basis zu stellen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse entwickeln sich kontinuierlich weiter. Deshalb müssen auch züchterische Maßnahmen regelmäßig überprüft und bei Vorliegen neuer, belastbarer Erkenntnisse gegebenenfalls angepasst werden.
Unser Ziel ist es nicht, andere Vereine zu bewerten oder in einen Wettbewerb um gesundheitliche Maßnahmen einzutreten. Entscheidend ist vielmehr, was wir gemeinsam für die Gesundheit und die Zukunft des Weißen Schweizer Schäferhundes erreichen können.
Der BVWS wird die weitere wissenschaftliche Entwicklung zum LTV/LÜW aufmerksam verfolgen, seine vorhandenen Gesundheitsdaten weiterhin berücksichtigen und sich auch künftig für eine transparente und verantwortungsvolle Zuchtarbeit einsetzen.


